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Armenien

Wir verließen den Trubel der georgischen Hauptstadt, um nur wenige Stunden später in der friedliche Stille der armenischen Stadt Dilijan anzukommen. Dort verbrachten wir ein paar Tage zwischen Wald und Bergen.
In Armenien finden sich, ähnlich wie in Georgien, trotz der kleinen Fläche, vielseitige malerische Landschaften, schöne Wanderwege und antike Kloster, von denen wir nur einen  Bruchteil gesehen haben und für deren Besuch wir sicherlich ein zweites Mal nach Armenien zurückkehren würden. Insgesamt ließen wir uns von der Ruhe Armeniens anstecken und nutzten so unseren kurzen Aufenthalt hier als Gelegenheit, um einen kleinen Urlaub von der Reise einzulegen. Vor der Abreise aus Deutschland planten wir 3 Wochen in Armenien zu verbringen, da wir jedoch in der Ukraine 2 Wochen mehr als geplant blieben haben wir unsere Zeit in Armenien verkürzt, jedoch mit der festen Absicht wieder zu kommen.

Von Dilijan aus ging es für uns mit dem Bus weiter in die Hauptstadt Jerewan. Dort waren wir motiviert genug, zwischen Faulenzen und Vorbereitungen auf unsere Iran-Reise (Shopping..!) an einer Stadtführung teilzunehmen und das Museum über den Völkermord an den Armenier_innen zu besuchen.
Jerewan hat einen auffallend rosa-pinkigen Teint, was, wie wir später erfuhren, an den besonderen Tuff-Steinen liegt, aus denen die Gebäude hier gebaut sind. Über die Stadt zerstreut sind in den Parks und an öffentlichen Plätzen einige moderne Skulpturen zu sehen, die mein kleines Kunstliebhaberinnenherz höher schlagen ließen. <3 Die Stadt erscheint uns wie ein lebenswerter, moderner Ort, der sowohl den Einheimischen als auch Tourist_innen viel bietet. Die Kommunikation mit den Armenier_innen funktionierte übrigens prima: fast jede Person, der wir begegneten, sprach entweder gutes Englisch oder Russisch (oder beides).

Während unserer geführten Tour durch die Stadt lernten wir, dass die Mehrheit der Armenier_innen aus verschiedenen Gründen im Ausland lebt: zum Beispiel in Russland, den USA, Frankreich, Argentinien,… Von insgesamt ca. 11 Millionen Armenier_innen weltweit leben nur ca. 3 Millionen in Armenien. Der Zusammenhalt der armenischen Gemeinschaft besteht jedoch über die Grenzen hinweg und war für uns auch im Stadtbild sichtbar: Wir kamen unterwegs vorbei an einigen internationalen (religiösen) Organisationen, einer US-Amerikanisch-Armenischen Uni und einer Argentinisch-Armenische Schule. Einer der zentralen Plätze wurde kürzlich nach dem französisch-armenischen Chanson-Sänger Charles Aznavour benannt, der sich politisch für das Land einsetzte.

Unser Besuch im Genoziddenkmal ist vielleicht das Erlebnis, das für mich den bisher tiefsten Eindruck hinterlassen hat. Ich will gar nicht so tief ins Detail gehen, was die Inhalte angeht, denn das Eindrucksvolle war für mich die emotionale Atmosphäre, die während der Museumsführung herrschte. In diesem Museum wurden uns die Schicksale der vielen Opfer des Völkermords auf eine sehr gründliche und explizite Weise nahegebracht, die gleichzeitig von den Geschehnissen distanziert und nah dran war und in mir eine Mischung aus Unbehagen und Anteilnahme auslöste.
Einiges ist sehr gut dokumentiert; es wird genau beschrieben, welches Leid die Opfer durchmachen mussten; wie Städte innerhalb von Stunden vernichtet wurden. Ein Drittel der Fläche der heutigen Türkei war vor dem Genozid von Armenier_innen bewohnt gewesen. Es wurden Bilder gezeigt, deren Härte kaum zu übertreffen ist, die mich fassungslos da stehen ließen – vor Allem, wenn ich daran denke, dass heute noch darum gekämpft werden muss, dass die Welt den Völkermord an den Armenier_innen anerkennt. Und dann, kurz vor Ende der Ausstellung kam ein Moment, in dem sich eine Frau aus einer US-Amerikanischen Reisegruppe meldete, ihr Vater habe das Waisenhaus auf dem Foto erkannt, er habe als Kind dort gelebt, bevor er in die USA geholt wurde. In diesem Moment war es so klar erfahrbar, wie wichtig die Vergangenheit auch für die vielen Generationen danach ist. Und wie wichtig es ist, die Geschehnisse in Erinnerung zu behalten und Ernst zu nehmen. Damit so etwas nie wieder passiert.

 

In den ehemaligen UdSSR Staaten begegnen uns viele verlassene Freizeitparks

Dieses alte Kloster im Dilijan Nationalpark wurde vor allem von Kühen besucht, die Schutz vor der Mittagshitze suchten

Kloster von innen

Ghapama – Gefüllter Kürbis (sehr lecker)

Shopping für den Iran gestaltete sich etwas schwieriger als erwartet. Alles war entweder zu kurz oder sah zu doof aus

Platz der Republik in Jerevan

In Armenien gibt es überall Trinkwasserbrunnen! Ein Leben ohne Plastikflaschen 🙂

Die Konstruktion der Strommasten fanden wir manchmal etwas gewagt…

Genozid-Denkmal in Jerevan

Kaskaden in Jerevan

An den Kaskaden in Jerevan

Grantatapfelblüten

Berge in Meghri

Noch mehr Berge in Meghri

Georgien

„Als Gott die Länder verteilte und alle Völker dafür zusammen kamen, feierten die Georgier gerade mal wieder ein Fest. Sie tranken und sangen und vergaßen ihre Verabredung mit Gott. Doch der war von ihrer Fröhlichkeit und ihre Lebensfreude so gerührt, dass er ihnen das Gebiet schenkte, das er eigentlich für sich reserviert hatte. Und so kam das georgische Volk zu seinem Land.“

Drei Wochen haben wir in diesem Land verbracht, das nach georgischer Sage Gott selbst für sich reserviert hat und vielen Einheimischen sowie Besucher_innen als Paradies auf Erden erscheint. Uns wird es als Land der Kontraste im Gedächtnis bleiben! Georgien ist in etwa so groß wie Bayern, jedoch finden sich auf dieser kleinen Fläche Berge und Meer, jahrtausend alte Kultur und moderne Architektur, ein kleines Las Vegas und lebendige Traditionen. Wir konnten den einen Tag im Norden des Landes auf schneebedeckte Berge blicken und den Tag darauf in der Wüste durch eine Höhlenstadt spazieren und manchmal machte eine Stunde Fahrtweg einen Temperaturunterschied von ca. 5°C aus.

Die Ankunft in Georgien war ein kleiner Schock für uns. Nach einem Monat in der Ukraine ohne vielen Touris zu begegnen, landeten wir in Batumi, „Georgiens Las Vegas“, einer der touristischsten Städte des Landes. Seit einigen Jahren boomt der Tourismus in Georgien und die Menschen kommen aus Europa und Nordamerika genauso wie aus Russland, den arabischen Emiraten und Indien. Eine bunte Mischung kommt hier zusammen und das Land hat für jedes Bedürfnis etwas zu bieten. Da wir beide mehr Zeit mitbringen als die meisten anderen Georgienreisenden und eine Vorliebe für Merkwürdigkeiten haben, haben wir uns auch abseits der Standartroute bewegt und zwei Orte besucht, die (noch) nicht im Reiseführer stehen. Einen davon stellen wir kurz vor…

Tschiatura
Die Stadt Tschiatura war vor dem ersten Weltkrieg ein wichtiger Wirtschaftsstandort: Es war das größte Manganerzbergbauzentrum der Welt. Zu UdSSR-Zeiten wurde ein öffentliches Seilbahnnetz eingerichtet, um Material und Personen möglichst effektiv in der Stadt transportieren zu können: Über 70 Seilbahnen gab es hier zu Hochzeiten. Mit dem Zerfall der UdSSR und dem Rückgang des Manganerzes ging es jedoch bergab für die Stadt. 1992 ist die Strom-, Wasser- und Gasversorgung der Stadt zusammengebrochen. Seit 2004 gibt es wieder Strom. Die Stadt scheint verglichen mit dem Rest Georgiens aus einer anderen Welt zu kommen. Uns führten die verbliebenen Seilbahnen in die Stadt (eine der steilsten Seilbahnen der Welt und eine der ältesten, Baujahr 1954). In Tschiatura sind Touris eine Seltenheit und so wurden wir beim Frühstück im Stadtpark von zwei jungen Männern angequatscht, die uns direkt auf einen Ausflug mitgenommen haben. Nachdem wir die Sehenswürdigkeiten der Gegend (eine steile Felssäule mit Kloster und ein schöner Fluss) abgeklappert hatten, sind wir beim 65-jährigen Roman gelandet. Roman hat eine kleine Fischzucht, eine alte mit Wasser betriebene Mühle und einen Gemüsegarten. Außerdem macht Roman selbst Wein und Cognac. Ihr ahnt wie es weiter geht… Bei Salat und Radieschen aus dem Garten wurde intensiv auf Georgien, die Freundschaft und das Leben getrunken. Irgendwann kamen noch Romans Enkelkinder dazu, die sich vermutlich sehr über die deutschen Besucherinnen ihres Opas gewundert haben – in Romans Garten verirren sich nicht oft Besucher_innen. Der Besuch bei Roman endete mit einem ausgiebigen Nickerchen im Hotel (die georgische Gastfreundschaft und die damit verbundenen zahlreichen Trinktraditionen sind nichts für uns).
Mit der steilen Seilbahn sind wir trotzdem noch gefahren (Martina unter Todesangst, Svenja mit kindlicher Begeisterung), doch in (bruchstückhafter) Erinnerung bleibt uns wieder einmal die Begegnung mit den Menschen!

 

Die Katskhi-Säule

Roman zeigt uns das Fischbecken

Alle an einem Tisch

Wartehalle an der Seilbahn

Ganz schön weit oben..!

Trotz dieser Begegnung und der vielen Facetten, die wir von Georgien kennen lernen durften, sind  wir uns einig, dass Georgien nicht unser Land ist. Ja, das Essen ist lecker (und vegetarisch gut möglich). Die Landschaften sind atemberaubend. Die Kontraste sind außergewöhnlich. Die Höhlenstädte sind beeindruckend. Die politische Lage ist spannend (wir waren während der Proteste und abgesagten Gay Pride in Tiflis). Das Reisen ist sehr einfach. Aber irgendwie war es nicht unseres. Trotzdem lohnt sich eine Reise in dieses kleine Land definitiv, egal ob ihr Natur, Kultur, Party oder einfach Unmengen Käsegerichte sucht. 🙂

Wir durften bei diesem netten Bäcker unsere Brotback-Künste testen. 🙂

Springbrunnen in Kutaisi

Verlassenes Kurhotel in Tskaltubo

Panorama bei Mestia

Georgien biete viele Käsegerichte. Hier: Kartoffelpüree mit Käse!

Höhlenstadt Uplistsikhe

Moderne Architektur in Tbilisi

Wir besuchten das Tbilisi Open Air Festival

Burg Ananuri

Bei Kazbegi

Gestreifte Berge bei David Gareji

Mit der Fähre nach Georgien

Nach unserem Aufenthalt bei Jenja und seiner Familie in Starosillja ging es für uns mit dem Nachtzug weiter nach Odessa, wo wir unsere letzten Tage in der Ukraine verbrachten. Die belebte Stadt am Schwarzen Meer ist, seitdem die Krim besetzt wurde, das neue Reiseziel für Strandurlaub in der Ukraine. Auch auf ausländische Tourist_Innen scheint man hier zumindest besser vorbereitet als etwa in Kiew. Wir kauften unsere Fährentickets im Büro des Anbieters UkrFerry und wurden dort von einem munteren Mitarbeiter auf Englisch und Deutsch begrüßt.

Am Tag der Abfahrt fuhren wir mit der Marschrutka in die Nähe des Fährhafens. Vor dem Grenzhäuschen lernten wir Lena und Marco aus Nürnberg und Anja und Amrei aus Bern kennen. Mit ihnen haben wir die meiste Zeit auf der Fähre verbracht. Lena und Marco sind von Deutschland aus auf ihren Fahrrädern gestartet und haben vor, damit noch mindestens bis nach Aserbaidschan zu fahren. Anja und Amrei studieren Soziale Arbeit und sind per Anhalter unterwegs zu einer Exkursionswoche in Tiflis. Sonst waren die Passagiere zum Großteil LKW-Fahrer und ein paar Auto- und Motorradfahrer_innen. Unser Zimmer an Board hat uns sehr überrascht – das ist wahrscheinlich die komfortabelste Fähre, auf der wir je  gemeinsam waren! Wir hatten eine eigene Kajüte mit Fenster, Klimaanlage und eigenem Bad und es gab sogar 3 (vegetarische!) Mahlzeiten pro Tag (die uns etwas auf den Magen geschlagen sind, das frische Essen vom Hof fehlt uns sehr).

In Svenjas Fantasie sollte es eine sehr entspannte Fahrt mit viel lesen und Delfinbeobachtung werden. Dieser Plan wurde schon vor der Abfahrt von den ukrainischen Truckern Vladimir und Viktor sowie einer Flasche Wodka über den Haufen geworfen. Der Wodka und die beiden waren jedoch erst der Anfang eines fröhlichen, betrunkenen und vor allem unerwarteten Partyabends auf der Fähre. Wir Touris waren heiß begehrte Trinkkumpan_innen und, dass Martina Russisch spricht, hat alle um so mehr begeistert (im Laufe des Abends wurde ihr Russisch immer besser). Nachdem das Eis erstmal gebrochen war, soffen feierten wir bis in die Nacht in verschiedensten Kajüten und an Deck mit gefühlt allen Truckern. Spannend ist dabei, dass Marco von allen Männern angefasst wurde, bei uns Frauen zum Großteil Abstand gehalten wurde (vielleicht hat Svenjas Fake-Ehering und die Fotos vom Mitbewohner auch abschreckend gewirkt). Martina musste frühzeitig ins Bett (Erkältung), aber zu diesem Zeitpunkt war es schon recht egal, dass wir alle kaum ein Wort miteinander sprechen konnten. Wir hatten einen tollen Abend mit herzlichen Menschen, den wir so schnell nicht vergessen werden!

Die restlichen zwei Tage waren dann eher so wie wir erwartet hatten. Zum Lesen und Delfine beobachten kamen aber noch schöne Gespräche dazu!

Vladimir, Martina und der erste Wodka

Das Sonnendeck

Mit Lena und Marco

Vor der Hafenstadt Batumi

Der Weg ans Festland – Vorbei an den LKWs